28mm vs. 35mm – Aus der Sicht eines Baustellenfotografen
Warum wir auf Baustellen lieber 28mm und 50mm einpacken
Bei kaum einem anderen Hobby und Beruf lässt sich wahrscheinlich so wunderbar über Technik und Ausrüstung philosophieren wie bei der Fotografie. Welcher Kamerahersteller baut die beste Kamera? Wer hat den zuverlässigsten Autofokus? Welches Objektiv ist am schärfsten und welches hat beim Preis-Leistungs-Verhältnis die Nase vorne? Und warum kostet das Objektiv, das man eigentlich unbedingt haben möchte, natürlich genau so viel wie ein gebrauchter Kleinwagen? Und wenn man die Vernunft und alle technischen Aspekte einmal kurz zur Seite schiebt, wird es erst richtig interessant. Denn manchmal geht es gar nicht darum, welches Objektiv technisch das beste ist. Sondern welches sich richtig anfühlt. Welches einen bestimmten Look erzeugt. Welches Spaß macht. Oder schlicht jenes, das man gerne in die Hand nimmt, obwohl es objektiv betrachtet wahrscheinlich nicht die vernünftigste Entscheidung ist.
Ihr merkt schon, worauf wir hinauswollen.
Fotografie ist für uns mehr als das fertige Bild. Und ja – der Fotograf macht das Bild, nicht die Kamera. Aber das passende Equipment macht für uns einen ziemlich großen Teil des Spaßes aus. Wenn die Frage nach der richtigen Ausrüstung halbwegs geklärt ist, bleibt allerdings noch eine andere Frage: Welche Brennweiten braucht man eigentlich? Und genau hier wird es spannend.
Vom 14mm zum 28mm – unsere Entwicklung auf der Baustelle
Die perfekte Brennweite gibt es natürlich nicht. Sie hängt vom Motiv, vom Stil, vom verfügbaren Platz und nicht zuletzt davon ab, was man mit seinen Bildern erzählen möchte. Wir waren deshalb selbst neugierig und haben irgendwann einmal unseren Lightroom-Katalog gefragt, welche Brennweiten wir als Architekturfotografen und Baustellenfotografen eigentlich tatsächlich verwenden. Das Ergebnis war ziemlich interessant. Unsere fotografische Reise auf Baustellen begann deutlich weitwinkliger.
In den ersten ein bis zwei Jahren war das Nikkor 14–24mm f/2.8 unser ständiger Begleiter. Und ja – da sind einige Fotos dabei, die wir heute gerne nachträglich aus der Welt schaffen würden. Das Problem war weniger das Objektiv als wir selbst. Wenn man 14mm zur Verfügung hat, benutzt man sie auch. Schließlich passt damit einfach unglaublich viel aufs Bild. Und genau das ist gleichzeitig die große Stärke und die große Falle eines Ultraweitwinkels.
Mit der Zeit wurde uns klar: Nur weil etwas aufs Bild passt, heißt das noch lange nicht, dass es dort auch hingehört. Das 14–24mm durfte deshalb irgendwann gehen.
Es folgten unter anderem Nikkor Tilt-Shift 19mm f/4 und Nikkor PC-E 24mm f/3.5 für unsere Architekturfotografie sowie das Nikkor Z 14–30mm f/4 für Baustelleneinsätze. Für klassische Architekturfotos kam später noch das Nikkor Z 24–70mm f/4 dazu – ein Objektiv, das bis heute fast täglich im Einsatz ist. Bei der Baustellenfotografie gingen wir dagegen irgendwann bewusst einen anderen Weg. Weg von maximaler technischer Perfektion. Hin zu mehr Charakter.
Warum wir Festbrennweiten auf Baustellen lieben
Das 14–30mm kam auf unseren Baustellen immer seltener zum Einsatz. Stattdessen wurden Festbrennweiten interessanter.
Heute könnte unser Baustellen-Setup beispielsweise so aussehen:
Nikkor Ai-S 20mm f/2.8
Thypoch 28mm f/1.4
Mandler 35mm f/1.4
Nikkor Ai 55mm f/1.2
Eine ziemlich eigenwillige Mischung aus alten Klassikern, modernen Neuinterpretationen und Objektiven, die technisch wahrscheinlich nicht jeder als „vernünftig“ bezeichnen würde. Genau unser Ding also. Lange Zeit war dabei das Sigma Art 35mm f/1.4 unser absolutes Arbeitstier. Tausende Bilder haben wir damit gemacht. Genau genommen sind es inzwischen fast 100.000 Fotos. In Kombination mit 50mm war 35mm für unsere Baustellenfotografie über Jahre hinweg die Standardkombination. Und wir waren begeistert davon. Bis uns irgendwann etwas aufgefallen ist.
35mm vs. 50mm: Der Unterschied ist kleiner als man denkt
35mm und 50mm sind zwei klassische Brennweiten. Auf dem Papier klingt das nach einem ordentlichen Unterschied. In der Praxis ist er allerdings überraschend klein. Gerade wenn man eine Bildstrecke fotografiert, bei der beide Brennweiten regelmäßig zum Einsatz kommen, haben wir irgendwann festgestellt: 35mm und 50mm sind uns zu dicht beieinander.
Natürlich sieht man einen Unterschied. Aber in einer kompletten Baustellendokumentation wollten wir mehr. Mehr Abstand zwischen den Perspektiven. Mehr Wechsel. Mehr Spannung. Mehr „Ah, jetzt ist das Bild aber komplett anders“. Mit 35mm hatten wir irgendwann das Gefühl, zwischen den Stühlen zu sitzen. Für manche Motive war es uns nicht weit genug. Für andere war der Unterschied zu 50mm einfach zu gering. Und auf kleineren, beengteren Baustellen kam noch ein weiteres Problem dazu: 35mm können plötzlich ziemlich lang wirken.
Man steht irgendwo zwischen Rohbetonwand, Gerüst, Kabeltrommel und Installationsschacht und denkt sich: „Ein bisschen mehr Weitwinkel wäre jetzt schon praktisch.“ Also wurde wieder auf 20mm gewechselt. Und genau das wollten wir eigentlich vermeiden.
28mm statt 35mm – der kleine Unterschied mit großer Wirkung
Wir wollten also eine Brennweite zwischen 20mm und 35mm. Aber eben nicht einfach irgendeine. Sie sollte weitwinklig genug sein, um auch auf kleineren Baustellen flexibel zu bleiben. Gleichzeitig sollte sie nicht so weitwinklig sein, dass plötzlich wieder alles auf dem Bild landet und die Perspektive nach „Schau mal, wie groß dieser Raum ist!“ schreit.
Unsere Lösung: 28mm.
Wir haben uns schließlich ein gebrauchtes Nikkor Ai-S 28mm f/2.8 besorgt. Klein, leicht und optisch definitiv nicht mehr ganz taufrisch. Also ziemlich genau das Gegenteil von „High-End-Objektiv mit 19 Linsen und einem Gewicht, das man beim Krafttraining als Zusatzgewicht verwenden könnte“. Und wir lieben es. Gerade im Vergleich zum Sigma Art 35mm war das kleine 28mm deutlich kompakter und leichter. Besonders mit FTZ-Adapter war das Sigma an der Nikon Zf oder Z9 schon ein ordentliches Kaliber. Aber viel wichtiger: Die Bilder haben für uns besser funktioniert.
Der eigentliche Unterschied zeigte sich erst in kompletten Bildstrecken. Mit 28mm und 50mm hatten wir plötzlich zwei deutlich unterschiedliche Perspektiven. 28mm für die Umgebung. Für Räume. Für Situationen, bei denen man etwas mehr Kontext zeigen möchte. Für das Gefühl, mitten auf der Baustelle zu stehen. Und 50mm für Details. Für Verdichtungen. Für einzelne Situationen und Motive. Für Bilder, bei denen wir bewusst einen Teil der Baustelle ausblenden wollen. Der Wechsel zwischen den beiden Brennweiten war in einer fertigen Kundengalerie sofort sichtbar. Und genau das war für uns der entscheidende Punkt.
Eine gute Baustellendokumentation soll schließlich nicht aus Bildern bestehen, die sich nur durch einen Standortwechsel unterscheiden. Wir wollen eine Geschichte erzählen. Und unterschiedliche Brennweiten helfen dabei.
Warum nicht einfach 35mm und 50mm? Natürlich funktioniert auch diese Kombination hervorragend. 35mm ist eine fantastische Brennweite und sicherlich eine der vielseitigsten überhaupt. Für uns hat sie sich im direkten Zusammenspiel mit 50mm beziehungsweise später 55mm aber einfach als zu nah dran erwiesen. Wenn wir eine Baustelle fotografieren, wollen wir möglichst unterschiedliche Bildwirkungen erzeugen. Der Sprung von 35mm auf 50mm ist dafür aus unserer Sicht nicht groß genug. Der Sprung von 28mm auf 50mm hingegen fühlt sich deutlich stärker an. Und genau diese sichtbare Veränderung macht eine Bildstrecke für uns interessanter.
28mm und 55mm – inzwischen unsere Lieblingskombination
Irgendwann kam dann noch ein Nikkor Ai 55mm f/1.2 dazu. Zu einem ziemlich guten Preis. Das 50mm durfte deshalb vorerst in den Ruhestand. Das 55mm bringt noch einmal etwas mehr Abstand zum 28mm und liefert gleichzeitig diesen ganz eigenen Charakter, den wir bei älteren lichtstarken Objektiven so mögen.
Das Thypoch 28mm f/1.4 ersetzt dabei das alte Nikon 28mm nicht unbedingt in jeder Situation, sondern erweitert unsere Möglichkeiten – und kann dank M-Mount sogar auch an unserer Leica M6 eingesetzt werden.
Damit haben wir mittlerweile eine Kombination, die für unsere Art der Baustellenfotografie ziemlich gut funktioniert:
28mm für die Umgebung.
55mm für die Verdichtung.
Dazwischen? Brauchen wir erstaunlich wenig.
Unser Fazit: Weniger Brennweiten, mehr Unterschied
Natürlich gibt es nicht die perfekte Brennweitenkombination für Baustellenfotografie. Andere Baustellenfotografen würden wahrscheinlich mit 24mm und 35mm glücklich werden. Andere schwören auf ein 24–70mm Zoom. Und wieder andere fotografieren einfach alles mit 14mm und fragen sich, warum wir so kompliziert tun. Und das ist auch völlig okay.
Für unseren Stil hat sich allerdings gezeigt: 28mm und 50mm beziehungsweise 55mm funktionieren für uns besser als 35mm und 50mm.
Nicht weil 28mm technisch besser wären. Nicht weil 35mm eine schlechte Brennweite wäre. Sondern weil der Abstand zwischen den Brennweiten größer ist. Und damit auch der Unterschied zwischen den Bildern. Gerade bei einer längeren Baustellendokumentation macht das einen erstaunlich großen Unterschied.
Wenn wir nur eine einzige Brennweite auf eine Baustelle mitnehmen dürften, wäre die Entscheidung mittlerweile ziemlich einfach: 28mm.
Wenn wir zwei mitnehmen dürfen? 28mm und 55mm.
Und wenn wir drei einpacken dürfen? Dann wird es wieder kompliziert.
Wir sind schließlich Fotografen. Ganz ohne Gear-Diskussion wäre es ja auch langweilig.

